"Es war eine brutale Zeit!" – Turbine Potsdams Viktoria Schwalm im ZOCCER-Interview

Berlin – Wir waren vor einigen Tagen mit Erstliga-Fußballerin Viktoria Schwalm (20) vom 1.FFC Turbine Potsdam in Berlin unterwegs. Seit fast sechs Jahren wohnt Tory schon nebenan in Potsdam, bis auf ein paar Arztpraxen und Shopping-Tempel hat die gebürtige Hessin von der Hauptstadt allerdings noch nicht viel gesehen. Deshalb haben wir ihr ein paar Orte gezeigt, Fotos mit ihr gemacht und ganz nebenbei auch ein bisschen mehr über die Geschichte der Offensivspielerin erfahren. Tory hat uns einen interessanten Einblick in ihr Leben als Profi-Fußballerin gegeben. Wir haben mit ihr über ihre Ziele und Träume gesprochen. Aber auch über eine richtig fiese Zeit. Das Ganze haben wir jetzt mal für euch aufgeschrieben. In Schönschrift.

ZOCCER: Tory, erzähl doch mal, wie sieht so ein normaler Tagesablauf während der Saison bei dir aus? 

Tory: "Meistens starte ich schon sehr früh in den Tag, weil wir um 8 Uhr unser Morgentraining haben. Deswegen: aufstehen, eine Kleinigkeit – einen Müsli-Riegel oder so – frühstücken und los zum Training. Danach geht's wieder nach Hause, wo ich dann ausgiebig frühstücke. Abends gegen 17.30 Uhr steht das zweite Training an. Zwischen den Einheiten ist also genug Zeit für andere Dinge. Ich geh da gern spazieren, bummel durch die Stadt oder gehe mit Leuten aus dem Team einen Kaffee trinken. Nach dem zweiten Training falle ich meistens nur noch kaputt auf die Couch, schaue eine Serie oder einen Film. Im Sommer, wenn das Wetter passt, gehe ich abends auch gern noch ans Wasser. Da kann ich gut runterkommen und abschalten."

 

ZOCCER: Fast jeden Tag hast du also zwei Mal Training. Eigentlich ist das genau wie bei den Männern. Der Unterschied: Die Kohle, die ihr dafür bekommt. Dass im Frauen-Fußball andere Gehälter gezahlt werden als bei den Männern, ist kein Geheimnis. Kannst du denn vom Fußball leben?
Tory:
 "Aktuell ist es so, dass ich vom Fußball lebe. Aber ja, das ist kein Geheimnis, dass bei den Männern ganz andere Gehälter gezahlt werden. Dass Männer-Fußball ja was total Anderes ist als der Frauen-Fußball, bekommen wir auch bei jeder Gelegenheit zu spüren. Auch wenn das Ansehen des Frauen-Fußballs ein wenig gestiegen ist, ist es wirklich schwer nur vom Zoccen zu leben. Es ist wichtig, einen Job neben dem Fußball zu haben. Ich habe 2017 mein Abi gemacht und fange im Oktober jetzt nebenbei an zu studieren, um mir ein zweites Standbein aufzubauen."

ZOCCER: Wann und wie bist du eigentlich zum Fußball gekommen?
Tory: "Es war damals so, dass ich angefangen habe, Klavier zu spielen. Da ich aber, naja, ein sehr lebhaftes Kind war, brauchte ich ein Hobby mit viel Bewegung. (lacht) Ich habe dann erst ein Schnuppertraining bei der Leichtathletik gemacht, weil ich damals schon sehr schnell war. So wirklich Spaß hat das aber nicht gemacht. Irgendwas fehlte. So etwas wie ein Ball. Und da ich früher mit meinem großen Bruder und mit Kumpels in der Freizeit eh immer schon auf dem Sportplatz kicken war, habe ich dann mit zehn Jahren mal bei meinem Heimatverein mittrainiert. Der Klassiker eigentlich. So fing die Fußball-Karriere an."

 

ZOCCER: Wer dich beim Kicken beobachtet, merkt ganz fix, dass du das Spiel nicht nur liebst, sondern es lebst. Du bist immer on fire. Könntest du überhaupt ohne Fußball? Was hättest du für einen Beruf, wenn du keine Fußballerin geworden wärst?
Tory:
"Nein, nein. Ohne würde es nicht gehen. Klar ist es auch mal schön, wenn man mal ein paar Tage abschalten kann vom Fußball und allem, aber komplett ohne geht es nicht. Wenn ich mal ein paar Tage Heimaturlaub habe, bin ich auch immer am Ball. Deshalb kann ich dir gar nicht sagen, was ich geworden wäre, wenn es mit dem Fußball nicht geklappt hätte. Mein ganzes Leben war ja mit dem Turbine-Internat und der Sportschule schon voll darauf ausgelegt, es irgendwie mit dem Fußball zu schaffen. Andererseits habe ich mich schon immer für die sozialen Sachen interessiert. Sei es im Kindergarten oder oder oder ... Deswegen denke ich, wäre es in die Richtung soziale Arbeit gegangen. Oder Sozialpädagogik. Aber genau das möchte ich ja auch jetzt noch machen. Eigentlich hat sich da also gar nicht so viel verändert."


"Du liebst dieses Spiel. Aber dann sitzt du da, weißt nicht, wie es weitergeht. Und ob es überhaupt weitergeht." – Viktoria Schwalm


 

ZOCCER: Du musstest aber schon öfter ohne die Kugel auskommen, zuletzt hattest du eine langwierige Verletzung. Was hattest du da genau und wie lief die Reha ab? 
Tory:
 "Ich hatte ein Knochenödem im linken Oberschenkelknochen. Ziemlich im Ansatz nahe des Knies. Vereinfacht gesagt: Ich hatte Wasser im Knochen. Das war richtig schmerzhaft und hat ewig gedauert. Mal wurde es besser, dann wieder schlechter. Das zog sich wie ein Kaugummi. Die Ärzte und unsere Physios haben alles versucht, mir irgendwie zu helfen. Das Schlimme war, dass diese Art von Ödem eigentlich noch unbekannt war. Ich rannte von Arzt zu Arzt, wir haben alles versucht. Von einer Eigenblut-Therapie bis hin zur völligen Entlastung mit Wochen auf Krücken. Ein dreiviertel Jahr ging das so. Ärzte, Physio, Ruhe, Reha. Ich hatte dann auch zwei Mal täglich Training im Kraftraum oder im Sommer draußen neben dem Platz, wenn das Team Mannschaftstraining hatte. Das war auch so bitter. Dein Team kickt und du machst 20 Meter daneben wochenlang alles, nur nicht das, was du liebst und worum es eigentlich geht. Nichts, das mit Fußball zu tun hat. Lange Zeit konnte und durfte ich mein Bein ja nicht belasten, da habe ich meinen Oberkörper intensiv trainiert. Bauch, Arme, Rücken. Meine Physiotherapeutin hat versucht den Reha-Alltag so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, um die Motivation und Laune trotzdem irgendwie aufrecht zu erhalten."

ZOCCER: Wie schlimm war die Krankenzeit für eine junge, ehrgeizige Spielerin, die doch eigentlich gerade voll durchstarten wollte?
Tory: "Das war eine brutale Zeit. Besonders für den Kopf, weil irgendwie ja nichts richtig half. Wenn es dann mal kleine Erfolgserlebnisse gab, kamen sofort auch wieder doppelt so harte Rückschläge. Das zieht dich so runter. Weißt du, du liebst dieses Spiel. Aber irgendwann sitzt du dann da, weißt nicht, was du noch machen sollst. Du weißt nicht, wie es weitergeht. Und ob es überhaupt weitergeht. Du zweifelst. Es war echt nicht einfach. Dann kommt auch noch hinzu, dass du nicht mehr richtig im Team drin bist, weil du ja immer dein eigenes Programm absolvierst. Mit 19 Jahren musst du das alles erstmal verarbeiten. In Absprache mit den Physios haben wir deshalb auch einen Sportpsychologen dazugeholt. Mit ihm habe ich dann ein Mal pro Woche gesprochen. Er hat mir  sehr geholfen, meine Gedanken und Gefühle richtig einzuordnen. Das war wichtig und tat sehr gut." 

 

ZOCCER: Mittlerweile hast du dich wirklich eindrucksvoll zurückgekämpft und bist seit November aus Turbines Startelf nicht mehr wegzudenken. Mit 20 Jahren ist das beeindruckend. Wo soll denn das mal enden? Was willst du in deiner Karriere erreichen? 
Tory: "Nach so einer schwierigen Zeit, steht für mich an erster Stelle, dass ich einfach gesund bleibe. Das klingt banal, aber ich möchte mal eine komplette Saison ohne Rückschläge spielen und so viele Spiele von Anfang an spielen, wie es nur geht. Ich will dem Team weiterhelfen und mich so auch für die A-Nationalmannschaft anbieten. Aber step by step. Natürlich möchte auch jeder Sportler Titel gewinnen, das möchte ich auch, aber gesund bleiben und spielen, hat jetzt erstmal Priorität."

 

ZOCCER: Gibt es Irgendetwas, das du auf jeden Fall mal erleben möchtest? Gibt‘s vielleicht einen Ort, ein Stadion oder einen Klub, wo du unbedingt mal zoccen willst?

Tory: "Im Ausland zu spielen, ist ein großer Traum. Die Liga in England wird gerade aufgebaut und gepuscht, das ist natürlich eine spannende Sache. Das ist etwas ganz Neues. Aber, ob England oder sonst irgendwo: Andere Kulturen, Menschen und auch einen anderen Fußball kennenzulernen, das reizt mich. Noch ist das aber weit weg. Ich konzentriere mich jetzt erstmal auf das Hier-und-Jetzt."

ZOCCER: ... und das heißt Potsdam. Du hast bereits im Dezember 2017 deinen Vertrag um weitere zwei Jahre bei Turbine verlängert. Was wünschst du dir denn für euch als Team und dich persönlich in den kommenden 24 Monaten? 
Tory: "Genau. Ich freue mich auf die zwei Jahre und wünsche mir für das Team und mich eine erfolgreiche Zukunft. Wir sind auf einem guten Weg, wollen den weitergehen, uns weiterentwickeln und ganz oben mitspielen. Mal schauen, was alles so möglich ist. Mit Turbine in der Champions League zu spielen zum Beispiel, das ist auch so ein Traum ..."


ZOCCER: Vielleicht wird der ja wahr. Wir drücken euch und dir ganz fest die Daumen, Tory. Das Wichtigste aber ist: bleib gesund!



Interview und Fotos:
Steven Jahn (ZOCCER) 
Fußballfotos: Jan Kuppert

DER STECKBRIEF

Name Viktoria Schwalm
Spitzname Tory
Geburtsdatum  9. Dezember 1997
Geburtsort Alsfeld (Hessen)
Position Mittelfeld
Fuß beidfüßig
Aktueller Verein 1.FFC Turbine Potsdam
Rückennummer 17
Bundesliga-Spiele 2017/18 14 (5 Tore)
Bundesliga-Spiele gesamt 34 (11 Tore)
2. Bundesliga-Spiele gesamt 18 (12 Tore)
Bisherige Vereine JSG Willingshausen,
SG Immichenhain/Ottrau,
1.FFC Turbine Potsdam II
Nationalmannschaft DFB-U16, DFB-17, DFB-U19
Instagram @viktoria_schwalm

Stand: 22.05.2018


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